Es reicht!

Es geht einfach so nicht mehr weiter.
Wir sagen Stopp.
Seit langer Zeit wieder einmal.

Es gibt einen Punkt in der Fähigkeit eines jeden Menschen Verhältnisse hinzunehmen, an dem er nicht mehr in der Lage ist, weiterhin hinzunehmen. Weiterhin zu schweigen. Weiterhin zu hoffen und weiterhin zu warten, dass sich die Verhältnisse ohne sein Zutun verbessern. Dieser Punkt ist bei jedem Menschen an einer anderen Stelle zu finden.

Unser Punkt ist erreicht. Es reicht!

Wir alle freuen uns über das Jahr 2010 und den Aufstieg unseres geliebten magischen FC St.Pauli in die erste Bundesliga. Wir alle freuen uns darüber dass unser Stadion, das Millerntor, ausgebaut und vergrößert wird. Diese Freude war unendlich groß.

Wir alle hatten auch Angst dieses Jahr. Wie wird sich die Elf von Stani schlagen in der ersten Liga? Wie wird sich unser Stadion mit nun zwei neuen Tribünen anfühlen?
Wie wird uns der so oft medial gepredigte Spagat zwischen notwendigen Einnahmen und dem Erhalt unserer Fankultur, auf die wir alle so stolz sind, gelingen?

Das waren unsere Gedanken als die neue Haupttribüne fertig war, als wir 100 Jahre alt wurden und als wir den Aufstieg feiern konnten.

Der Spagat.
Was heißt das eigentlich?
Mit zwei Beinen zwei weit von einander entfernte Punkte einnehmen und trotzdem nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Stimmt`s? Gut. Wenn wir uns den FC Sankt Pauli vorstellen in diesem Spagat, dann stünde er mit jeweils einem Bein auf jeweils einem Sockel.

Der eine Sockel symbolisiert die Einnahmen, die nötig sind um eine erfolgreiche Mannschaft zu bezahlen, das Stadion weiter auszubauen, und nicht horrende Summen von jedem Fan zu verlangen um sich ein Spiel seines Vereins anschauen zu können.

Der andere Sockel sind unsere Werte, unser Verständnis von Fussball und wie wir ihn erleben wollen. Unsere Insel Sankt Pauli in einer Welt, die nur noch auf die monetäre Verwertbarkeit von allem und jedem schaut. Unsere Andersartigkeit auf dem Marktplatz Profifussball.

Und zwischen den beiden Sockeln liegt der Abgrund der Bedeutungslosigkeit. Sowohl was unsere “Andersartigkeit” angeht, als auch den sportlichen Erfolg betreffend.

So weit, so bildhaft.
Was ist nun geschehen mit uns in diesem Jahr?
Uns Sozialromantikern? Uns Garanten des einen Sockels?

Wir haben vor diesem Jahr einen Kongress mit vorbereitet, ihn mit anderen Fans und dem Verein zusammen durchgezogen und miteinander einen Konsens darüber versucht zu finden, wie weit die Lücke sein darf zwischen diesen Sockeln, die das Überleben unseres Vereins ausmachen. Das war nicht leicht, nicht für uns die so vernarrt sind in den einen Sockel und auch nicht für den Verein, der sich hauptsächlich um den anderen kümmern muss.

Aber wir haben Ergebnisse erzielt, die die Kluft zwischen beiden Standpunkten dieses Spagats definieren. Sie verorten.

Das ist eine schwierige Angelegenheit, das Verorten. Denn das geht nur anhand von Werten die einem wichtig sind, sonst hat man keinen Punkt, keine Heimat, kein Zuhause von dem man sich entfernen, oder dem man sich wieder annähern kann.
Wir waren froh, dass der Verein und wir als ein Teil des Vereins solch einen Kongress überhaupt zu Wege bringen. Dass es uns allen anscheinend doch nicht egal ist wo das Geld herkommt, das nunmal nötig ist. Dass wir auf bestimmte Erscheinungen des modernen Fussballbetriebs lieber verzichten, seien sie finanziell noch so verlockend.

Alle Ergebnisse dieses Kongresses im Detail aufzuzählen würde jetzt den Rahmen sprengen, aber im Kern geht es in allen Beschlüssen darum, die Ursprünglichkeit und die Bodenständigkeit des Erlebnisses Fussball am Millerntor an die Faktoren zu binden, die die Einzigartigkeit des FC Sankt Pauli in den letzten 30 Jahren ausgemacht haben:

  • soziale und politische Verbundenheit mit dem Stadtteil Sankt Pauli
  • 90 Minuten Fussball ohne Firlefanz und Werbung drumherum
  • Eine Zeitspanne von 5-10 Minuten vor dem Spiel, in dem die Akustik des Stadions den Fans gehört.
  • Keine Verträge mit Sponsoren, die im Verdacht stehen faschistisch, rassistisch, homophob, sexistisch oder kriegstreiberisch zu agieren
  • Kein Verkauf des Stadionnamens
  • Keine Werbemaßnahmen, die vom Spielgeschehen ablenken
  • Fan und Vereinsseitiger Dialog bei Fragen zur Umsetzung dieser Leitlinien
  • Ticketverteilung im Sinne der Mitglieder

Und nun passiert in diesem Jahr etwas, womit wir zwar rechnen konnten, aber nicht rechnen wollten:

Der erste Sockel dieser Zwei wird von dem Präsidium und seinen Vereinsangestellten von Spiel zu Spiel verschoben. In kleinen Schritten, kaum merklich und doch spürbar entfernt sich der eine Sockel von dem anderen. Die Kluft wird größer und größer.

  • Es wird eine Haupttribüne gebaut, die zur Hälfte aus Businessseats besteht.
  • Dann werden doppelt so viele Logen gebaut wie geplant.
  • Dann wird eine der Logen an eine Stripteasebar verhökert, die dort Frauen leicht bis gar nicht bekleidet an Stangen tanzen lassen dürfen.
  • Dann wird die Mannschaftsaufstellung plötzlich von einem Sponsor präsentiert.
  • Ein Cola-Rotwein-Ballermanngemisch darf trotz vehementer Proteste offizielles Vereinsgetränk bleiben.
  • Dann werden neue Hintertor-Netze aufgehangen, die so dick sind, dass man kaum durchgucken kann, aber den Sponsorennamen gut abbilden.
  • Dann darf eine Bank in einer Zugebauten Ecke des Stadions in riesigen Lettern auf grauem Beton ihren Schriftzug darbieten.
  • Dann darf eine Werbeagentur plötzlich in einer anderen Ecke ihrer kreativen Kundschaft in selbstgebauten Containern auf Stelzen einen exklusiven Abend bereiten.
  • Dann werden Toiletten zugunsten von Stellflächen für Medien kurzerhand abgeklemmt.
  • Und nun werden LED Laufbänder an drei Seiten des Stadions montiert, auf die Zuschauer ihre SMS kostenpflichtig laufen lassen können.

Ihr habt es tatsächlich geschafft.

Ihr habt euren Sockel so weit verschoben das dieser Spagat in jedem Knochen, jeder Sehne, jeder Nervenzelle nur noch weh tut.

Und alles was Ihr in den letzten Monaten von uns verlangt, ist gefälligst unseren Sockel auch zu verschieben.

ABER DAS WERDEN WIR NICHT TUN!
DENN DAS WAR NICHT DIE VERABREDUNG!

Wir, die Unterzeichner, fordern:

  • Keine weiteren, zusätzlichen Werbemassnahmen in den vom Fankongress verabschiedeten Zeitfenstern!
  • Keine weiteren Werbeflächen auf den Tribünen!
  • Kündigung von Susis Showbar Loge!
  • Keine LED-Anzeigen mehr im Stadion und generell keine weiteren audiovisuellen Plätze für irgendeine Werbung während der 90 Minuten!
  • Rückbau von Teilen der Business-Seats auf der neuen Haupttribüne und Umwandlung in bezahlbare Sitzplätze!
  • Bereitstellung von Farbe damit die Kinder der Stadionkita ihre grauen Wände in Eigenverantwortung anmalen können!
  • Keine weiteren bloßen Lippenbekenntnisse des Präsidiums und der Vermarktung, wir sind es leid!

Wenn ihr, wertes Präsidium, diesen Forderungen nicht nachkommt, werden wir in den offenen Widerstand gehen.

Wir werden der immer mehr vermisste Sand im Getriebe sein, wir werden Aktionen anzetteln die euch nicht mal im Traum einfallen.

Wir werden sowohl den Verzehr wie auch den Stadionbesuch an sich boykottieren.
Wir werden Sponsoren mit Mails bombardieren, mit der Presse arbeiten, eine ausserordentliche Mitgliederversammlung beantragen.

Kurz: Wir werden alles tun, bis ihr merkt wie viele wir sind!
Wir werden alles tun bis ihr merkt, dass es mit euch, aber auch ohne euch geht.

Die Zeit der Treffen ist vorbei. Es reicht!

Sozialromantiker St.Pauli und alle Unterzeichnenden
Dezember 2010

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